11December2019

Wie wendet man dieses schwer zu beschreibende „Fühlen“ an?

How to Apply the Elusive “Feel”

Geschrieben und Fotos von Leslie Desmond, veröffentlich in „The Trail Less Traveled.“
Übersetzung: Gabi Dold

Welche Bedeutung dieses „Fühlen“ für das Pferd hat ist sehr schwer zu beschreiben. Ich will es trotzdem versuchen. Vielleicht helfen ein paar Überlegungen zu unseren menschlichen Erfahrungen. Wie würdest du jemandem, der den Duft einer frisch abgemähten Wiese nicht kennt, diesen Duft beschreiben? Oder den Geschmack eines Weizenbrotes, den Anblick der Dämmerung, das Geschrei des Habichts oder den Schmerz einer Kratzwunde auf deiner Wange?

Was würdest du sagen, wie sich Kopfschmerzen anfühlen? Wie fühlt sich Musik für das Ohr an? Wie fühlt sich ein Kinderfinger an, der gegen deine Wange drückt? Oder wie würdest du den Unterschied beschreiben, den du fühlst, wenn du die Hand eines Fremden drückst, oder aber die deines Freundes?

All diese Dinge fühlen sich für jede Person etwas anders an. Selbst wenn sich zwei Menschen einig wären, genau dasselbe erlebt, erfühlt zu haben – wie können sie sich sicher sein? Es gibt keine zwei Personen, die identisch sind. Und so ist es auch beim Pferd. Um eine optimale Wechselwirkung zwischen zwei Lebewesen zu haben, muss man deren Verschiedenheit erkennen und respektieren.

Wollen wir uns anderen Dingen, Menschen oder Pferden annähern, sollten wir folgende Eigenschaften haben und sie entsprechend einsetzen. Als da wären: Flexibilität, Konsequenz, Respekt, Entschlossenheit, Liebe und Milde. Außerdem sind alle Dinge zu beachten und zu berücksichtigen, die von den Sinnesorganen wahrgenommen werden. Das könnte z.B. Regen, Hundegebell, Wind oder Vogelgesang sein. Auf alle Lebewesen haben diese Umweltreize eine andere Wirkung. Genauso werden tiefe Gefühlserfahrungen, wie Hoffnung, Liebe, Freude, Trauer, Angst oder Unsicherheit in unterschiedlicher Intensität erlebt. Der Grund dafür ist eine individuelle Informationsaufnahme und Auswertung.

Es ist aber nicht nur der Mensch einzigartig, sondern auch das Pferd. Auch das Pferd macht individuelle Lebenserfahrungen, sodaß der Mensch ihm in seiner Einzigartigkeit begegnen muss. Viele Menschen machen sich Gedanken darüber, wie wohl ein Pferd seine Umwelt wahrnimmt. Aber nur sehr wenige können erkennen, ob sich ein Pferd in seiner Umwelt wohl fühlt oder nicht.

Es ist ganz einfach. Wenn sich dein Pferd bei dir wohl fühlt, wirst du dich auch bei ihm wohl fühlen. Um zu wissen, ob sich ein Pferd wohl fühlt oder nicht, musst du kleinste Veränderungen in seinem Verhalten oder Gesichtsausdruck erkennen und deuten können. Wenn du mit dem Pferd umgehst, musst du also ganz genau beobachten, wie sich deine Stimmungen und Handlungen auf das Pferd auswirken.

Findet dieses Fühlen zwischen Mensch und Pferd nicht statt, wird sich auch kein Vertrauen oder Leistungsbereitschaft entwickeln können. Es gibt Menschen, die sagen, dass man Fühlen nicht in Worte fassen kann. Sie haben sicher Recht, und dennoch bin ich davon überzeugt, dass Fühlen erlernt werden kann. Man muss nur die Möglichkeit haben, jemanden beim Handling und Reiten zuschauen zu können, der diese Fähigkeit hat und damit arbeitet.

Dieses Fühlen hat einen ganz besonderen Charakter, und du wirst es erkennen, wenn es dir begegnet. Möglicherweise kommst du mit deinem Pferd sehr gut klar. Das wiederum würde heißen, dass ihr in eurer Beziehung mehr Fühlen anwendet, als dir im Moment vielleicht bewusst ist.

Ich gebe dir hier ein paar Vorschläge für alltägliche Situationen, in denen du das Fühlen anwenden kannst. Reflektiere erst, wie sich die beschriebenen Situationen in deinem Alltag zeigen.

Läuft dein Pferd zur Fütterungszeit im Paddock oder Box mehr oder weniger aufgeregt herum? Oder würdest du sagen, dass du auf die Art und Richtung seiner Bewegungen Einfluss nimmst?

Brauchst du, um dem Pferd das Zaumzeug aufzulegen, einen Eimer oder Schemel, weil es seinen Kopf hoch und zur Seite nimmt? Oder ist es eher so, dass es seinen Kopf absenkt und das Gebiss sucht, während du das Kopfstück und die Zügel in Position bringst?

Musst du dich, um Aufsteigen zu können, am Sattelhorn festhalten und auf einem Bein herumhüpfen, um noch aufsitzen zu können, bevor das Pferd los geht? Oder wartet dein Pferd, bis du dich im Sattel niedergelassen und das Kommando zum Losgehen gegeben hast?

Wie du siehst sind es die Kleinigkeiten, die im Umgang mit dem Pferd eine entscheidende Rolle spielen. Wird diesen Kleinigkeiten auf Dauer nicht die nötige Bedeutung zugemessen, kommt es unweigerlich zu Misserfolgen.

Wenn die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd verschwommen, langweilig, dumm oder unpräzise ist, hat der Mensch die Aufgabe, diese zu verbessern. Man kann nicht erwarten, dass das Pferd für die Qualität der Kommunikation zuständig oder gar verantwortlich ist. Die Aufgabe des Pferdes besteht in erster Linie darin, sich selbst zu schützen, zu überleben. Diese natürliche Anlage im Pferd gilt es zu erkennen und zu respektieren. Will nun der Mensch mit dem Pferd in Verbindung treten, sollte er dies in einer klaren, konsequenten und liebevollen Art und Weise tun. So wird er Zugang zum Pferd bekommen.

Es gibt zwei Übungen, die sich besonders eignen, um das Fühlen zu entwickeln und anzuwenden. Das ist einmal das Führen des Pferdes und zum anderen das willige Rückwärtstreten lassen des Pferdes. Um möglichst gute Ergebnisse zu erhalten, solltest du dein Pferd mit einer Wassertrense und slobber straps (Verbindungsstück zwischen Trensenring und Zügel aus Leder) auftrensen.

Führen und williges Folgen

Das Ziel ist, dem Pferd zu lehren, geführt aber nicht hinter dem Menschen hergezogen zu werden.

Die Aufforderung für das Pferd, seine Füße zu bewegen, kommt aus deiner Hand. Sie hält einen Zügel tief unten am slobber strap, ungefähr 15-20 cm unterhalb des Pferdemauls. Du selbst stellst dich in einem 45° Winkel seitlich zur Schulter des Pferdes. Nun drückst du deinen Ellenbogen durch und fährst mit dem Arm so weit wie nötig nach vorne. Du darfst dein Pferd nicht drängen, nicht schieben und dich auch nicht gegen es lehnen.

Wenn du den „Slack“ (das Durchhängen des Zügels) aus dem Zügel nimmst, tu es in einem Winkel. Reagiert dein Pferd sogleich, indem es sich bewegt, musst du augenblicklich wieder deutlichen „Slack“ in deinen Zügel geben, wobei der tiefste Punkt des Zügels nicht unterhalb des Knies sein sollte. Wiederhole diese Übung öfters auf beiden Seiten. Am Schluss sollte dein Pferd mit allen vier Füßen losgehen,, sobald die Zügel straffer nimmst und du dich wegbewegst.

Es ist möglich, dass dir dein Pferd andere Reaktionen zeigt.

Vielleicht versteht es nicht, was dieses Gefühl des Zügelkontakts zu bedeuten hat, was du erwartest, dass es tun soll. Es gibt dir nicht die gewünschte Reaktion, weil es seine Füße fest in den Boden stemmt

  • und seinen Kopf und Hals mit geschlossenen Augen nach vorne in deine Richtung streckt
  • den Kopf gegen dich schleudert
  • und rückwärts geht
  • Es wäre auch möglich, dass dein Pferd zwar versteht, dass es seine Füße bewegen soll, aber statt willig zu folgen,
  • setzt es lediglich einen Fuß in deine Richtung, lässt aber die anderen drei stehen
  • springt es an dir vorbei
  • springt es auf dich zu und bedrängt dich
  • rennt es dich um

Falls dein Pferd seine Füße nicht bewegt oder es rückwärts geht, nimmst du ganz langsam die Zügel straffer und gibst ihm noch eine Chance herauszufinden, was du von ihm willst. Verändert dein Pferd seine Reaktion nicht, gibst du ihm mit dem Zügel einen deutlichen, starken Zug zur Seite hin. Unter Umständen musst du dies ein paar mal tun, bis es begreift, was es mit seinen Füßen tun soll. In dieser Phase solltest du dich nie genau vor das Pferd stellen, um zu vermeiden, dass es sich gegen deinen Zug lehnt, oder im anderen Fall gar auf dich springt. Außerdem darfst du nie ruckartig den Slack aus dem Zügel nehmen oder an ihm reißen. Es ist nicht unser Interesse, das Pferd zu strafen. Wir wollen lediglich durch die Verstärkung unserer Aufforderung bewirken, dass dem Pferd klar wird, den Zügelkontakt mit willigem Folgen zu beantworten.

Gewalt im Vergleich zu Entschlossenheit ( Strenge / Druck )

Alles, was du beim Pferd mit Gewalt machst, wird dich nicht zum Erfolg führen. Wenn du mit deinem Pferd über das Fühlen kommunizierst, muss immer Gewalt durch Geduld und Zeit ersetzt werden. Das heißt nicht, dass es nicht auch Situationen gibt, in denen Strenge angesagt ist, und auch welche, in denen du noch mehr Strenge benötigst. Was aber unbedingt bedacht werden muss, ist Folgendes: Je mehr Strenge der Mensch anwendet, umso größer muss seine Erfahrung und Einsicht darüber sein, welche Rolle für das Pferd exaktes Timing und Gleichgewicht spielen, um verstehen zu können, was der Mensch von ihm will.

Das Pferd fühlt deine Strenge oder Entschlossenheit nicht einfach so irgendwie. Um ihm die Bedeutung deiner Hand verständlich zu machen, muss sie ihm in Verbindung mit der richtigen Mischung von Timing und Gleichgewicht beigebracht werden. Wenn du nun also beschließt, deine Strenge zu steigern ( den Druck zu erhöhen ) brauchst du außerdem mehr Geschicklichkeit, dies durchzuführen. Für deine eigene Sicherheit solltest du die Reaktionen des Pferdes, welche deine Strenge auslösen, vorausahnen können. Ansonsten könntest du es bereuen.

Das erinnert mich an eine Beobachtung, die Bill Dorrance oft machen konnte:“ Es ist erstaunlich, was Pferde für den Menschen tun, wenn sie ihn verstehen – genauso erstaunlich ist es allerdings, was die Pferde tun, wenn sie nicht verstehen, was der Mensch von ihnen will.“ Es ist sinnvoller langsam vorzugehen. Somit hast du mehr Zeit, deine Beobachtungsgabe zu entwickeln. Diese ist nämlich ein wesentlicher Teil, um Fühlen überhaupt korrekt in deiner Pferde-Mensch Beziehung anwenden zu können. Durch häufiges Ausprobieren wirst du viele Erfahrungen machen, welche dich auch schützen werden. Dein Urteilsvermögen kann reifen und du lernst einzuschätzen, wann mehr Strenge nötig ist.

Baut der Mensch Strenge konsequent auf und sofort wieder ab, sobald das Pferd die richtige Reaktion zeigt ( Timing ), wird das Pferd dem Menschen vertrauen. Es kann dir passieren, dass du in der Lernphase einen Schritt vor, aber dann auch wieder zwei zurück machst. Beunruhige dich deswegen nicht. Es braucht seine Zeit, bis du Ursache und Wirkung zwischen euch beiden begriffen hast.

Williges Rückwärtstreten

Beginne mit dieser Übung an der Seite des Pferdes, an der es seinen Vorderfuß weiter nach vorne gestellt hat. So ist es einfacher für das Pferd, da es sowieso mit diesem Fuß das Rückwärtsgehen begonnen hätte. Du hältst nun den Slobber-strap ( Verbindungsstück aus Leder zwischen Trensenring und Zügel ) am Ende mit deiner Hand fest und straffst den Zügel, indem du ihn geradewegs nach unten in Richtung der Pferdebrust führst. Lass dir damit Zeit. Falls dein Pferd sofort die Verbindung deiner Hand zu seinen Füßen versteht und seinen Fuß zurück setzt, lässt du es augenblicklich in Ruhe. Wenn dein Pferd aber eine andere Reaktion zeigt, weißt du, dass es noch nicht verstanden hat, dass du von ihm erwartest, seine Füße zu bewegen. Möglicherweise rammt es seine Füße fest in den Boden und

  • nimmt seinen Kopf hoch, um ihn mit aufgerissenem Maul vor- und zurückzuwerfen
  • nimmt seinen Kopf tief, während es auf dem Gebiß kaut
  • rollt sich mit gebogenem Hals bis zur Brust auf
  • nimmt den Kopf zur Seite, um auf seinen Bauch sehen zu können.

Unter Umständen begreift dein Pferd, dass es etwas mit seinen Füßen tun soll, weiß allerdings nicht genau was und bietet dir folgende Reaktionen an:

  • es bäumt sich mit gestreckten Vorderbeinen auf
  • es schlägt mit einem oder gar beiden Vorderbeinen nach dir aus
  • oder es drückt gegen deine Hand und geht auf dich zu.

Falls es seinen Kopf, aber nicht seine Beine bewegt, musst du warten. Bringe erst dann mehr Strenge oder Druck ins Spiel, wenn du befürchten musst, dass dich dein Pferd aus deiner Position bringt. Es ist wichtig, die Nase des Pferdes in die Richtung des Fußes zu bringen, der sich bewegen soll. Täusche aber keine Strenge vor, indem du mit Gewalt am Gebiß arbeitest, um die Füße deines Pferdes zu lösen. Du musst dir immer im Klaren sein, dass das Pferd, wie du selbst, ausprobieren und herausfinden will, welche Bedeutung deine Hand hat. Lass also dein Pferd nach dem kleinsten Erfolg sofort in Ruhe. Es würde für den Anfang schon reichen, wenn dein Pferd sein Gewicht vom führenden Vorderfuß weg verlagern und sich etwas im Rücken verschieben würde. Nach ein paar Sekunden solltest du es noch einmal versuchen. Auch jetzt wird dein Pferd darüber nachdenken, was es mit seinem Körper machen könnte, um von deiner Zügelhand befreit zu werden.

Führe dein Pferd nun vorwärts und versuche es noch einmal mit dem selben Fuß. Eine andere Möglichkeit wäre aber auch, dass du versuchst, seinen anderen Fuß rückwärts zu bewegen. Dazu nimmst du die Nase des Pferdes in Richtung des neuen Fußes und bereitest es darauf vor, sein Gewicht nach hinten zu verlagern. Mach es, wie zuvor; nimm den Slack aus dem Zügel, gib dem Pferd ein Gefühl des Rückwärtstretens und warte. Es ist wichtig, diese Übung auf beiden Seiten zu machen, bis das Pferd schließlich mit einem immer leichter werdenden Kontakt am Zügel rückwärts treten kann. Unter Umständen kann das Tage oder gar Wochen dauern.

Mit zunehmender Wiederholung dieser Übung stellt das Pferd fest, dass was einmal funktioniert hat, immer wieder funktioniert. Dadurch, dass die Aufforderung zum Rückwärtstreten jedes Mal augenblicklich aufhört, sobald das Pferd die richtige Reaktion gezeigt hat, wird es ermuntert selber nach dieser Entlassung zu suchen. Es wird seine Belohnung vorausahnen, seine Füße schneller und weiter zurücknehmen und sich zunehmend wohler fühlen.

Falls sich dein Pferd aufbäumt oder schlägt, hast du es evtl. zu sehr gedrängt. Du darfst es auf keinen Fall bestrafen. Beginne von neuem mit weniger Druck und versuche mit geringerer Anstrengung mehr zu erreichen. Ersetze dabei Ungeduld durch Geduld und Hast durch soviel Zeit, wie dein Pferd benötigt.

Drückt dein Pferd nach vorne gegen dich, sobald du es zum Rückwärtstreten aufforderst, solltest du ihm nur mit soviel Gegendruck begegnen, der es wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück bringt. Beginne jetzt wieder von neuem.

Am besten du trittst zur Seite zurück und bist darauf vorbereitet, gegebenenfalls deinen Arm auszustrecken, dich in den Schultern aufzurichten und dir eine sichere Distanz zum Pferd zu verschaffen, um nicht aus der Balance gebracht zu werden. Wenn deine Verunsicherung zu groß ist, kannst du mit einem anderen Pferd, das dich leichter versteht, das Fühlen und Timing dieser Übung erlernen. So kannst du deine eigene Sicherheit wiedererlangen und du wirst sehen: Je besser du Gleichgewicht, Timing und Fühlen beherrschst, umso besser wird dein Pferd werden.

Copyright: Leslie Desmond