Wie stelle ich es an, dass mein Pferd zu mir kommt, auch wenn ich keinen Futtereimer dabei habe?

Catching your Horse Without Using Grain.

©1996 Leslie Desmond Veröffentlicht im Dezember 1996 in: Stable Kids Magazine
Übersetzung: Gabi Dold

Läuft dein Pferd von dir weg, wenn es dich mit Halfter und Strick kommen sieht? Dieses Problem kommt öfters vor, lässt sich aber lösen. Allerdings ist es einfacher diesem Problem vorzubeugen, als es zu korrigieren, wenn es erst einmal zur Angewohnheit geworden ist.

Vielleicht hast du auch schon erlebt, dass manche Schulfreunde dich in der Schule nur mitspielen lassen, wenn du ihnen dein Taschengeld gibst. Eigentlich kann man so etwas nicht als Freundschaft bezeichnen. Dein Pferdeeinfangproblem ist eigentlich ähnlich.  Pferde mit Futter einzufangen, ist Bestechung. Wäre es nicht schön, wenn dein Pferd zum Aufhalftern zu dir kommen würde, weil es dich mag und gerne bei dir sein will?

Erstens, muss Schluss sein mit der Bestechung. Euere Beziehung, die auf Bestechung basiert, muss sich zu einer Beziehung verändern, die auf Vertrauen und Freundschaft aufbaut. Vielleicht hilft es, wenn du den Futtereimer jeden Tag etwas näher zum Weidetor hinstellst bis es sogar ausreichend ist, wenn der Eimer bei dir außerhalb des Tores steht, um dein Pferd halftern zu können. Es kann schon sein, dass du dein Pferd noch eine Weile mit dem Futter belohnen musst, wenn du es von der Weide holst. Lass die Bestechung mit dem Futtereimer über ein paar Tage oder Wochen langsam auslaufen. Schließlich wird dein Pferd zum Tor kommen, weil du dort bist. Du musst immer den Namen deines Pferdes rufen, wenn du mit dem Eimer kommst, damit es seinen Namen mit dem, was du von ihm willst, in Verbindung bringt. Mach das Einfangen so angenehm wie möglich für dein Pferd.

Zweitens, wollen wir das Pferd auf keinen Fall in eine Ecke des Feldes oder Stalls treiben. Das ist gefährlich, weil sich das Pferd fürchten könnte und es dir übel nehmen würde. Es gibt nichts unbefriedigenderes zwischen Pferd und Reiter als das. Außerdem wollen wir es nicht umherjagen, bis es müde ist. Je mehr du es scheuchst, umso besser wird es im Davonlaufen werden. Es wird dich zudem immer besser austricksen können. 

Drittens, musst du dich dem Zeitgefühl deines Pferdes anpassen können. Dein eigenes Zeitgefühl und das deines Pferdes ist sehr verschieden. Um dich mit deinem Pferd klar und deutlich verständigen zu können und um die bestmögliche Beziehung zu deinem Pferd aufbauen zu können, musst du so gut wie möglich auf der selben Wellenlänge mit ihm sein. Um in der Zeit des Pferdes zu leben, muss man endlos geduldig sein. Nur so kann man sich und sein Pferd erfolgreich umtrainieren.

bb1b8d5ed7Ich würde versuchen, soviel wie möglich Zeit mit dem Pferd zu verbringen, wenn du es nicht einfangen willst. Fängt dein Pferd an, die Freundschaft mit dir zu genießen, wird es auch bei dir sein wollen. Nimm deine Bürsten mit auf die Weide und bleib einfach eine Weile bei deinem Pferd stehen oder sitzen. Beobachte es nur. Es wird dein Pferd überraschen, dich hier draußen bei ihm in friedlicher stressfreier Atmosphäre, zu erleben. Dein Pferd wird sich interessieren, was du da eigentlich machst, da du dich bisher noch nie so verhalten hast. Unter Umständen treibt es seine eigene Neugierde zu dir.

Wenn das Pferd auf dich zukommt, lass es dich zuerst berühren. Versuche nicht gleich dein Pferd an der Nase oder am Hals zu berühren, und mache keine schnellen Schritte, es sei denn du musst befürchten, getreten zu werden. Sei bitte nicht gleich entmutigt, wenn dich dein Pferd die ersten paar Male ignoriert, wenn du das versuchst.  Es kann schon  sein, dass du eine Stunde oder länger warten musst. Denke immer daran, dass du dich auf die Zeit des Pferdes einstellen musst und nicht dein menschliches Programm durchziehen kannst.

Beginne damit, dein Pferd sanft zu berühren und bürste es dann. Dabei darfst du aber nur soviel Energie einsetzen, dass dein Pferd sich nicht veranlasst sieht, wieder fort zu laufen. Hast du das Gefühl, dass es gleich weg laufen wird, wende du dich zuvor von deinem Pferd ab. Du willst bei deinem Pferd den Eindruck hinterlassen, dass dein Besuch friedlich, angenehm und stressfrei ist.

Falls der Anblick von Halfter und Strick dein Pferd schon in die Ferne treibt, solltest du viele dieser Übungsstunden mit ihm verbringen, bevor du wieder Halfter und Strick mit auf die Weide nimmst. Nachdem dein Pferd sich wohl fühlt und freiwillig zu dir kommt, halfterst du es , führst es etwas herum und lässt es dann wieder gehen. Das wird seine Einstellung zum Eingefangen werden verändern.

487a0c28c0abc212e5dfWie kam es, dass sich das Pferd so schwer einfangen ließ?

Denke einmal darüber nach, was du mit deinem Pferd immer gemacht hast, nachdem du es aufgehalftert hattest. Du behütest dein Pferd mehr als alles auf der Welt und wahrscheinlich bist du die meiste Zeit sanft und liebevoll. Aber vielleicht hast du doch hin und wieder deine Selbstbeherrschung verloren und dir ist der Geduldsfaden gerissen. Dabei hast du womöglich ruckartig am Führstrick gezogen, obwohl das Pferd auf seiner Nase eine Kette verschnallt hatte. Möglicherweise passen einige Dinge deiner Ausrüstung nicht richtig auf dein Pferd, wodurch Schmerzen ausgelöst werden können. Oder vielleicht hast du ein altes Pferd , das nicht mehr so schnell und viel laufen kann, wie du es gerne hättest. Nur du und dein Pferd kennen euere Beziehung in und auswendig. Ich erwähne all diese Dinge, da sie mögliche Ursachen dafür sein können, weshalb dir dein Pferd nach Möglichkeit aus dem Weg geht.

Einige Dinge, die man immer beachten sollte

Sei dir im Klaren, dass die meisten Dinge, welche dir widerfahren, für das Pferd bedeutungslos sind. Den Pferden sind Fernseher, das Telefon oder dein nächstes Turnier eigentlich völlig egal. Für das Pferd zählt nur der Augenblick, da es in genau diesem lebt. Um wirklich effektiv zu sein, musst du dich und dein Pferd aus der Sicht des Pferdes betrachten.

Wenn du jeden Tag raus auf die Weide oder in den Stall zu deinem Pferd gehst und es dort auf dich wartet, denke immer an Folgendes: Das Pferd hat keine Ahnung, was du heute auf dem Plan hast oder was du heute für einen Tag gehabt hattest. Es weiß auch nicht, dass du heute nur zwanzig Minuten Zeit hast, weil es schon spät ist, weil dir kalt ist oder du zu Hause noch viel Arbeit hast. Aber es kann den Druck spüren, der auf dir liegt. Es kann deine Eile spüren und fühlt, dass sie nicht in sein Weltbild passt. Das kann schon der Grund dafür sein, dass ein Pferd abwendet und von dir weg geht.

Bevor du aber nun mit deinem Pferd beginnst in besprochener Art und Weise zu arbeiten, solltest du deine Eltern und deinen Reitlehrer um Erlaubnis fragen. Falls auf der Weide deines Pferdes noch andere stehen, die mit dem Futtereimer eingefangen werden, solltest du unbedingt einen Erwachsenen bei dir haben, der diese Arbeit schon erfolgreich getan hat.