11December2019

Wie finde ich heraus, was „Natural Horsemanship“ - die natürliche Pferde-Mensch Beziehung - ist?

To Find Out What Natural Horsemanship is...

Geschrieben und Fotos von Leslie Desmond, veröffentlich in „The Trail Less Traveled.“
Übersetzung: Gabi Dold

Frage dein Pferd und es wird es dir zeigen

Grundsätzlich ist die Beziehung zwischen Mensch und Pferd nicht kompliziert. Im Gegenteil, sie ist einfach und sehr natürlich.

Das Pferd ist ein Beutetier , was es uns durch seinen Instinkt und seine Hufe bestätigt. Es kann nämlich fliehen, oder versuchen, dich zu töten, wenn es seine Freiheit in Gefahr sieht. An den Reaktionen des Pferdes können wir erkennen, dass es folgendermaßen denkt: „Ich weiß, du willst mich fressen. Das wirst du aber nicht, wenn ich mich wehre.“ Dieses Denken beschreibt exakt den natürlichen Lebenserhaltungstrieb des Pferdes. Wenn es nicht so denken würde, wäre es verloren.

Wir Menschen sind die Raubtiere, haben einen Überlebensinstinkt und benützen Werkzeuge. Wir schießen mit Pistolen, werfen das Lasso, benützen die Gerte, reißen ruckartig am Zügel oder bohren die Sporen in den Körper des Pferdes. Und was am wichtigsten ist, wir töten Tiere, um deren Fleisch zu essen.

In einer Konfrontation mit dem Pferd, wird im Menschen sofort seine innere Stimme nach Selbstschutz wach: „Du bist groß und kräftig, aber ich kann dich dennoch besiegen und töten. Da ich halb verhungert bin, muss ich es tun, um nicht selbst sterben zu müssen.“

Meistens nehmen nur noch die Pferde diese inneren Stimmen wahr. Viele Menschen wollen ihre innere Stimme gar nicht mehr hören oder sind schon fast von ihr getrennt.

Im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung, Hunger zu haben, sehr verändert. Der zivilisierte Mensch muss nicht mehr in erster Linie den Hunger nach Nahrung stillen. Er will jetzt seinen Hunger nach Kraft und Macht befriedigen. Egal wie, jedes Lebewesen versucht , nach seiner ihm eigenen Art, zu überleben.

Was geschieht in Wirklichkeit?

Seitdem sich der Mensch mit dem Pferd abgibt, sagt, tut und erwartet er gewöhnlich zuviel. Und dies zu seinem eigenen Vorteil. Sobald aber das Pferd nicht versteht, was der Mensch von ihm will, arbeitet der Mensch gegen das Pferd.

Das Pferd ist sehr wohl in der Lage, den Menschen zu verstehen, sogar besser, als die meisten von uns glauben.

Die seit Jahrhunderten zu beobachtenden Fehlschläge in Pferde-Mensch Beziehungen resultieren daraus, dass der Mensch immer wieder in nicht angemessener Art und Weise Forderungen an sein Pferd gestellt hatte.

Es ist kaum zu glauben, wie viele Menschen sich eigentlich vor ihrem Pferd fürchten. Sie schleichen Jahr für Jahr um ihr Pferd herum, bis irgendwann etwas passiert. Dann wird ihnen plötzlich klar, dass sie vor ihrem Pferd Angst haben. Das Pferd aber wusste schon lange, was los war.

Es gibt also Pferde-Mensch Beziehungen, die aneinander vorbei gelebt werden. Genauso kann man Beziehungen beobachten, in denen der Mensch versucht, sich sein Pferd zu unterwerfen. Beide Formen sind zum Scheitern verurteilt.

Viele Pferde-Mensch Beziehungen haben sich nicht weiter als bis zu einer gesellschaftlich akzeptierten Brutalität entwickelt. Man glaubt allerdings hier schon fortschrittlich zu sein. Das ist nicht verwunderlich, da man Jahrhunderte lang mit der Methode „Knüppel dein Pferd in den Gehorsam“ gearbeitet hatte. Sind die täglichen Aufgabenstellungen an das Pferd unklar, empfindet es diese Situation als lebensbedrohlich und hat Angst..

Wer kann dir helfen?

d3208826b7Jessica hat eine leichte Verbindung zum Maul ihres Ponys. Man kann sehen, wie wenig Anstrengung nötig wäre, um das Pony locker im Kopf abkippen zu lassen .Das Pony war schon zu beiden Seiten beweglich und willig, bevor Jessica es mit beiden Zügeln sanft aufforderte, gerade rückwärts zu gehen.    

Wer versteht Fühlen? Wer kann fühlen zeigen und lehren? Klar, die guten Top Trainer können es. Sie verstehen und vermitteln das Konzept.

Das ist nur ein kleiner Trost. Zumal du vielleicht nur ab und zu mit so einem Könner reiten oder ihm nur beim Reiten zusehen kannst. Es kann doch unmöglich befriedigend sein, das ganze Jahr über auf die Chance zu hoffen, endlich einmal an einem Kurs von Mr. Legende teilnehmen zu können.

Nehmen wir an, du hättest das Glück gehabt und könntest bei Mr. Legende einen Kurs belegen. Er würde dich auffordern, die Zügel aufzunehmen und das Maul deines Pferdes zu fühlen. Du würdest aber nicht genau verstehen, was du machen sollst. In dieser Situation wärst du sicher erleichtert, wenn dir ein anderer Kursteilnehmer zumurmeln würde: „Über was zum Teufel redet der? Fühlen? Sagte er Fühlen? Es ist zum Schreien. Was denn fühlen?!“

Ray machte einmal folgende Äußerung: „Was du eigentlich als erstes wissen solltest, wird das Letzte sein, was du lernen wirst.“ Möglicherweise hat er sich nicht einmal auf das Fühlen bezogen, als er das gesagt hatte, aber Fühlen war das erste was mir bei diesem Satz in den Sinn kam. Und jetzt wollte ich es herausfinden.

Von nun an bekam alles, was ich mit Pferden tat, eine neue und ungewöhnliche Dimension. Durch ganz alltägliche Dinge, wie die Pferde auf die Weide bringen, oder sie holen, Reitunterricht geben, Satteln oder Verladen eröffnete sich mir eine neue Sichtweise auf längst verstanden geglaubte Sachverhalte.

Plötzlich hatte ich völlig neue Pferde vor mir. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt von dem überzeugt, was ich tat. Und nun stellte ein Freund fest, dass ich mich total verändert hätte. Fühlen bietet die Möglichkeit, noch tiefer unterhalb die Oberfläche einer Pferde-Mensch Beziehung zu gelangen. Man kommt näher an die wahrhaftige Seele und Sprache der Pferde.

Trotzdem sollte man wissen, dass man in der Phase der Entwicklung von Fühlen, manchmal frustriert sein wird, auch schlechte Tage haben kann und Fehler machen wird. Das alles ist mir auch passiert. Die andere Seite ist nun aber die, dass die Pferde-Mensch Beziehung viel einfacher wird und Probleme mit wesentlich weniger Ärger gelöst werden können.

Copyright: Leslie Desmond