Nimm Platz: Ein Blick auf Englischsättel

Take a Seat- A Look at English Saddles

Veröffentlicht im Februar 1996 in: The Trail Less Traveled
Übersetzung: Gabi Dold

Setzt man sich mit englischen Reitsätteln auseinander, ihren Typen und Marken, deren Vor- und Nachteilen, den Qualitätsunterschieden und so weiter, hilft einem bei deren Beurteilung die Erfahrung am besten weiter.

Englischsättel und Innereien

Anstatt Frösche zu zerlegen, hatte ich im Alter von 10 Jahren, drei Sättel mit kaputtem Baum angesammelt, um sie aus wissenschaftlichen Gründen auseinander zu nehmen. "Aus was in aller Welt ist diese Polsterung unter dem Sitz?" Ich habe mich oft laut darüber gewundert, bis ich endlich meine Studie abgeschlossen hatte. Während meine ekelhaften Klassenkameraden Sehnen durchrennten und Amphibienherzen und -lungen graphisch darstellten, schlitzte ich die Polsterung von Sätteln auf.

Einer dieser Sättel hatte altes zusammengeknäultes Pferdehaar als Polsterung. Ein anderer war mit lanolinhaltiger Schafwolle vollgestopft. In beiden Fällen haben meine Hände noch Stunden später danach gerochen. Am dritten Sattel konnte ich feststellen, dass sich die Zeiten geändert hatten. Die Sattelbauer verwendeten synthetischen Schaumgummi, um den Pferderücken gegen das Gesäß des Reiters abzupolstern. Bei diesem Sattel  hat sich die Polsterung im Laufe der Zeit derart verschlechtert, dass nur noch ein mehlig dunkelgelbes Puder übrig blieb. Es bröselte durch den Messerschlitz einfach zu Boden.

In meinen Aufzeichnungen von 1964 habe ich dieses Material so beschrieben: "Ich weiß nicht, was es ist, aber es sieht scheußlich aus." Gewiss hat sich im Laufe der letzten 32 Jahre die Technik derart weiterentwickelt, dass Kunststoff nun wesentlich langlebiger ist.

045686b195Grand Prix Dressursattel von Charles Keiffer.         
072fd30706Vielseitigkeitssattel mit engem Körperkontakt von Blue Ribbon (England).         
8641d2b839Ein "flacher" Showsattel von Fox-Lane. Einen Dank an Jim Naugle und Clievalle Ranch.

In Deutschland gelernt

gear3 4Das 1976er Olympia Springsattelmodell, hergestellt von dem Italiener Pariani.    

Noch immer war meine Suche nach besserem Verständnis über die Konstruktion von Englischsätteln nicht vorbei. Die nächste Station war Hannover, Deutschland, im Jahr 1973. Dort gab es einen alten Traditionsbetrieb, der sich auf die Herstellung von Springsätteln spezialisiert hatte. 

Auf meinem Rundgang durch diesen alten Betrieb -- angefangen bei dem feuchten Raum, der mit frischen Rinderhäuten vollgehängt war, bis hin zum hell erleuchteten Verkaufsraum -- habe ich einen neuen Eindruck und Verständnis für dieses Gewerbe bekommen. Wie man sich denken kann, hatte so mancher Arbeiter schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Man hatte außerdem den Eindruck, als wenn hier die Zeit stehen geblieben wäre. Die meisten Arbeiter hatten schon graue Harre und trugen randlose Brillen. Sie trugen alle die mittelalterlich anmutende dreiviertellange Arbeitstracht. Sie nahmen ihre Arbeit sehr ernst.

Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass sich dieser Betrieb in Hannover am Spalten war. Ich glaube, dass sie damals auf Kunststoff umgestiegen sind, oder aber zumindest damit experimentiert haben. Ich verspürte Reibereien zwischen den Traditionalisten und denen, die mit synthetischen Sattelbäumen experimentierten. Es war auch zu fühlen, wie die Morgenschicht mit der Spätschicht zusammenprallte, wenn es darum ging, mir Informationen über deren weltbekannten PASSIER Springsattel zukommen zu lassen.

Schließlich haben mir doch alle Arbeiter erklärt, wie der synthetische Baum und der Holzbaum gearbeitet werden. Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie ein wirklich riesengroßer Mann mit einem 17 Zoll Holzbaum zu mir herüber kam und mich von der Stabilität dieses Holzbaumes überzeugen wollte, indem er mit seinen wuchtigen Schuhen auf allen Teilen des Baumes herumsprang. Ich war von seiner Stabilität überzeugt. Wenn ich mich an diesem Tag für Synthetik oder Holz hätte entscheiden müssen, wäre ich auf der Seite der Traditionalisten gewesen.

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Auf diesen zwei Fotos kann man einen Argentinischen Springsattel mit aufgepolsterten Kniepauschen sehen. Das ist ein beliebtes, preiswertes Modell für strebsame Jagd- und Springreiter.

Form und Gestaltung sind abhängig vom Verwendungszweck

Meine Schlussfolgerung über Sättel ist dieselbe, die auch für viele andere Dinge zutrifft........die  Form, bzw. Gestaltung orientiert sich am Verwendungszweck.

Willst du Jagd- oder Springreiten, wählst du am besten einen Sattel, der dich eher nach vorne setzt und hängst die Steigbügel etwas hoch.

Willst du manchmal springen, im Gelände reiten, Jagden mitreiten oder ganz einfach nur mit dem Pferd bummeln, brauchst du einen Vielseitigkeitssattel, indem du engen Kontakt zu deinem Pferd hast und dessen Bügel geringfügig höher angebracht sind.

Wenn du eine Vorliebe für Gangpferde, Bahnreiten oder Turnierreiten hast, nimmst du am besten einen flachen Sattel deiner Wahl und machst die Steigbügel ziemlich lang.

Für das Dressurreiten haben sich hauptsächlich Sättel mit einem tiefen Sitz bewährt. Sie sind für engen Kontakt konzipiert und ermöglichen es dem Reiter längere Zeit  im Trab auszusitzen, als es ihm in anderen Sätteln möglich wäre. Obwohl Dressursättel den Reiter nicht günstig für Sprünge positionieren, gehört es dennoch zur Basisarbeit des Dressurreitens, die Pferde über Cavalettis oder andere Erhöhungen zu reiten.

Noch ein letzter Tip: Am Fuß hinter einem Pferd hinterher gezogen zu werden, kann dir den ganzen Tag vermiesen. Deswegen ist es wichtig, egal was, wann und wie du reitest, dass du immer den Sattelgurt kontrollierst. Nimm dir die Zeit, deinen Englischsattel mit sich leicht lösenden Sicherheitssteigbügeln umzurüsten. Außerdem solltest du nicht vergessen, die lederne Steigbügelverbindung "offen" einzuhängen.

gear3 6Das ist ein Sicherheitsteigbügel für den rechten Fuß. Er hat eine rutschfeste Einlage. Das Gummiband springt auf, wenn zu viel Gewicht einwirkt und gibt somit den Fuß frei.         
gear3 8Dieses Modell für den linken Fuß ermöglicht es dem Fuß, frei zu kommen, anstatt bei einem Sturz festgehalten zu werden, weil er im Steigbügel verkantet.